Entfernung

Theaterstück nach einem Roman von Marlene Streeruwitz

Uraufführung und Premiere 15 Oktober 2011 im Schauspielhaus

Mit: Vincent GlanderVeronika Glatzner, Barbara Horvath

Regie: Samuel Schwarz

Selma Brechthold ist eine Entlassene und Verlassene: Soeben wurde die Endvierzigerin als Chefdramaturgin der Wiener Festwochen gekündigt, und ihr Freund beginnt ein neues Leben mit einer jungen Ungarin und deren gemeinsamem Kind. Ihre Identität droht in die Brüche zu gehen. Selma reist nach London mit der letzten Hoffnung, dort ein Sarah-Kane-Projekt zu realisieren. Auf ihrer Odyssee durch „die Stadt der Härte“ gerät sie in das Terrorattentat vom 7. Juli 2005, dessen blutige Gewalt sichtbare Entsprechung der unsichtbaren Gewalt, die Selma angetan wurde, zu sein scheint. Hin und her geworfen zwischen Panik und Hochgefühl, Selbstmitleid und Selbsthass, Empathie und Rassismus, bricht vor allem immer wieder ihre Verachtung für den Kulturbetrieb hervor. Ein Betrieb, der Kultur immer mehr auf Unterhaltung reduziert, geprägt ist von Oberflächlichkeit und Ausbeutung. Ständig auf der Suche nach dem neuesten Kick, verschleißt er menschliche Ressourcen, huldigt der Idee vom Leben als Projekt und lehrt das Publikum, Provokationen auszusitzen: „Blut auf der Theaterbühne. Echtes Blut. Schlachtblut. Schlachttag. Und sie war dafür gewesen. Weil man nichts unterdrücken sollte. Weil mit dem Nichts-Unterdrücken die Macht so schön fest wurde. So selbstgerecht. Weil die Macht dann Freiheit rufen konnte. Und sie hatte keine Zweifel gehabt. Erst jetzt. Als Vernichtete.“ (Inhalt Schauspielhaus)

Vincent Glander, Barbara Horvath - © Alexi Pelekanos

Kritiken

Der Standard (Dorian Waller): Die Kulturindustrie als Endlosschleife – Kultur- und Kapitalismuskritik als systemerhaltender Anachronismus … Abwechselnd unterbrechen Vincent Glander, Veronika Glatzner und Barbara Horvath ihre Arbeit, um Romankapitel vorzustellen. Das ist verbraucherfreundlich, aber nicht rasend spannend. … Mit der Zeit finden die Schauspieler jedoch zu vermeintlich eigenen Worten, beginnen sogar mit Rollenspiel, in denen die Unsitten der Kulturproduktion attackiert werden. Die Inszenierung wird hier zu einem gleichermaßen aus Verweigerung wie auch Konfrontation bestehenden Angriff auf die Kulturindustrie erkennbar.

Die Presse (best): Das Wiener Schauspielhaus sucht Streeruwitz – Da haben sich Samuel Schwarz und Ted Gaier zu sehr angestrengt. … Und das ist der Clou des Abends: Die Schauspieler sprechen keinen „Text“, sie fassen zusammen, interpretieren, paraphrasieren, spinnen weiter, sie liefern also keine Dramatisierung, sondern Lesarten des Romans. … Das Theater soll „mitreflektiert“ werden. Das wirkt reichlich angestrengt. Schade.

Links

Auf OE1 erklärt Regisseur Samuel Schwarz: “Das Theater ist letztendlich eine verletzende Maschine. Es kommen viele Leute mit Traumata aus dieser Maschine. Sie ist ein gefährliches Tier.” Der Theaterbetrieb sei eine Art verdichteter Realität, so Schwarz.

Homepage von Marlene Streeruwitz (möglicherweise zeitweise nicht erreichbar)

Biografie Marlene Streeruwitz und Materialien (Wikipedia)

Einen Überblick über die Rezensionen des Romans nach seinem Erscheinen 2006 bietet perlentaucher.de.